1. Augustrede in Buus 2026

ZUSAMMENHALT IST KUNST (DIE REDE WURDE IN MUNDART GEHALTEN)

 Liebe Buusnerinnen und Buusner, liebe Gäste, liebe Eidgenossinnen und Eidgenossen 

Kürzlich sass ich in einer Runde, in der ein Witz nach dem anderen erzählt wurde. Da sagte jemand zu mir: «Jetzt habe ich noch einen für dich.» Und fragte mich: «Weisst du, warum Winzer schlechte Pessimisten sind?» 

Ich gebe es zu: Witze vergesse ich meistens innerhalb von Sekunden. Aber diesen konnte ich mir merken. 

Ich schaute ihn mit grossen Augen und fragendem Blick an. Er lachte und sagte: «Weil sie immer auf einen noch besseren Jahrgang hoffen.» 

Ich bin stolz, heute als Präsidentin von GastroBaselland einige Worte an Sie, liebe Festgemeinde, richten zu dürfen und möchte mich herzlich für die Einladung bedanken. 

Ich bin keine Politikerin. Deshalb möchte ich Ihnen heute auch keine politische Rede halten. Ich glaube nämlich, es gibt kaum schönere Themen als Wein, Gastronomie und Gemeinschaft. Deshalb möchte ich mich heute genau diesen widmen. 

Doch warum hat mich die Einladung, die Ansprache zum 1. August halten zu dürfen, besonders gefreut? 

Weil ich überzeugt bin, dass Gastronomie weit mehr ist als gutes Essen und Trinken. Sie bringt Menschen zusammen. Ohne sie würde unserer Schweiz ein wichtiger Ort der Begegnung, des Austauschs und des Miteinanders fehlen. Und genau diese Werte machen auch unsere Eidgenossenschaft aus. 

Föderalismus, Freiheit und direkte Demokratie – oder anders gesagt: Machtteilung, Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Oder noch einfacher: regionale Vielfalt, Eigenständigkeit und Bürgernähe. 

Es bedeutet doch, dass viele kleine Regionen selbst entscheiden und wir trotzdem gemeinsam unsere Zukunft gestalten. Dass wir überregional denken und Verantwortung für das grössere Ganze übernehmen. 

Dieses Bild passt für mich wunderbar zur Weinbaugemeinde Buus. 

Glauben Sie mir: Ich bin selbst in einer Weinbaugemeinde aufgewachsen. Zwar stamme ich nicht aus einer Winzerfamilie, durfte aber als Mädchen bei einer befreundeten Weinbauernfamilie erleben, was die Kunst des Weinbaus bedeutet. Ich durfte das Handwerk kennenlernen und von dem grossen Wissen der Winzer vieles lernen. 

Eines habe ich dabei verstanden: Der Tropfen im Glas ist weit mehr als nur ein Getränk, das gute Laune macht. In einem guten Glas Wein stecken Wissen, harte Arbeit und Leidenschaft. 

Sie alle kennen dieses Leuchten in den Augen der Winzerinnen und Winzer, wenn sie von ihrem eigenen Wein erzählen. 

Weinbau im Baselbiet bedeutet meistens, steile Hänge zu bewirtschaften. Man kann nicht einfach mit grossen Maschinen durch die Rebberge fahren. Es ist nach wie vor echtes Handwerk – und ein Produkt, das nicht durch Massenproduktion entsteht. 

Weinbau bedeutet auch, sich den Gegebenheiten anzupassen. 

So schön der Wein später im Glas erscheint und so viel man über Bouquet, Farbe und Abgang philosophieren kann – bis dahin ist es ein langer Weg. 

Alles beginnt bereits mit der Wahl der richtigen Rebsorte, die zu Klima und Boden passt. 

Hier sind die Böden kalk- und lehmhaltig, das Klima ist mild. Nicht umsonst sagt man, wir seien der verlängerte Arm Burgunds. 

Die Voraussetzungen sind also gut. Doch diese optimal zu nutzen – das ist die eigentliche Kunst des Winzers. 

Und damit sind wir bereits bei diesem viel gebrauchten Wort: Kunst. 

Heute scheint irgendwie alles Kunst zu sein. 

Deshalb habe ich mich gefragt: Was braucht es eigentlich, um Kunst zu schaffen? 

Ich habe darüber nachgedacht, was Kunst für mich persönlich bedeutet.Haben Sie sich diese Frage auch schon einmal gestellt?Ich finde, wir sollten im Alltag häufiger über Kunst nachdenken.Denn Kunst ist für mich nicht einfach etwas Mystisches, Extravagantes oder bloss Zeitvertreib. 

Kunst entsteht für mich immer aus etwas Substanziellem. Kunst entsteht dort, wo Können, Kreativität und Persönlichkeit zusammenkommen und etwas Einzigartiges entsteht. 

Sie ist Ausdruck von Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Ideen, die in eine neue Form gebracht werden und Menschen berühren oder zum Nachdenken anregen. 

Und genau so würde ich auch Ihren Wein beschreiben. Und Ihre Gemeinde. 

Als ich das erste Mal zum Weinerlebnis eingeladen wurde und hier meinen Anlass eröffnen durfte, habe ich mich übrigens in Buus verliebt. 

Bei Ihnen ist die Kunst spürbar. 

Und wie bereits gesagt: Kunst ist nicht einfach etwas Extravagantes. 

Eigentlich ist Kunst auch immer etwas zutiefst Traditionelles. Denn ohne Können, ohne gute Voraussetzungen, ohne Traditionen und ohne Fantasie entsteht keine Kunst. Und ist es nicht genau das, woran uns der Nationalfeiertag erinnern sollte? 

An den Bundesbrief von 1291 und an die Gründung unserer Eidgenossenschaft. Damals schlossen sich Menschen zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. 

Zurück zur Kunst. 

Von Kunst allein kann niemand leben. 

Irgendwann muss sie auch ihren Weg zu den Menschen finden. 

Zum Beispiel der Wein – in die Gastronomie. 

Und Gastronomie braucht Gastgeberinnen und Gastgeber. 

Menschen, die anderen ihre Türen öffnen und ihnen ein schönes Erlebnis schenken. 

Gastfreundschaft ist ein grosses Wort und hat viele Gesichter. 

Doch im Kern geht es immer darum, Gäste willkommen zu heissen und ihnen etwas mitzugeben. 

Ihnen die Zeit ein wenig schöner zu machen, als sie sie erwartet hätten. 

Als Gastgeber öffnet man seine Stube, kocht, bewirtet und schenkt Aufmerksamkeit. 

Auch das ist Kunst. 

Und auch diese Kunst braucht Tradition, gute Produkte, Können, Persönlichkeit und Fantasie. 

Über Gastfreundschaft kann man genauso philosophieren wie über Wein. 

Vom ersten Schritt in die Gaststube bis zum Abschied. 

Und schliesslich zu diesem Moment, in dem man entweder noch einen Schluck trinken möchte – oder bald wieder Gast sein will. 

Ist Gastfreundschaft deshalb nicht auch gelebte Eidgenossenschaft? 

Sie verbindet Menschen. 

Sie ist irgendwo auch föderalistisch. 

Sie schafft Vertrauen und stärkt den Zusammenhalt. 

Gastfreundschaft spiegelt deshalb die Werte unserer Eidgenossenschaft wider: Offenheit, Respekt, Vertrauen und das Bewusstsein, dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen einander wertschätzend begegnen. 

Und auch das ist letztlich eine Form von Kunst. 

So ist der Weinbau Kunst. 

Die Gastronomie ist Kunst. 

Und auch unsere Eidgenossenschaft ist Kunst. 

Die Kunst, Menschen zu verbinden, ohne dass sie ihre Eigenart verlieren. 

Sie lebt von Traditionen, die über Generationen weitergegeben werden, von gelebten Werten, vom Respekt vor der Vielfalt und vom Willen, gemeinsam mehr zu erreichen als jeder Einzelne allein. 

Wie im Weinbau braucht es Geduld, Sorgfalt und Liebe zum Detail. 

Wie in der Gastfreundschaft braucht es Offenheit, Wertschätzung, im richtigen Moment Perfektionismus und die Freude an der Begegnung. 

Und genau aus diesem Zusammenspiel entsteht etwas Besonderes. 

Ein gutes Glas Wein. 

Eine herzliche Begegnung. 

Oder eine starke Gemeinde wie Buus, die – wie ich nachlesen durfte – dieses Jahr ihr 753-jähriges Bestehen feiert. 

Oder das, was wir heute feiern: 735 Jahre Eidgenossenschaft. 

Für mich steckt im Witz vom Anfang weit mehr Wahrheit, als man auf den ersten Blick vermuten würde. 

Die Hoffnung, dass es noch besser werden kann. Dass der nächste Jahrgang noch besser gelingt. Dass wieder bessere Zeiten kommen. 

Hoffnung ist ein grosser Wert. 

Vielleicht sogar einer unserer wichtigsten Antriebe. 

Denn erst wenn wir die Hoffnung verlieren, haben wir den Kampf verloren. 

Gerade deshalb sollten wir unserer Eidgenossenschaft manchmal etwas dankbarer sein. 

Jetzt, in der Ferienzeit, fällt mir etwas auf. 

Wie oft ertappen wir uns dabei, im Ausland alles schöner zu finden. 

Der Wein scheint besser. 

Die Gastfreundschaft herzlicher. 

Die Traditionen faszinierender. 

Und bei uns? 

Da finden wir unseren eigenen Wein plötzlich durchschnittlich, unsere Gastfreundschaft weniger herzlich und unsere Traditionen etwas bieder. 

Ganz ehrlich: Das ist Unsinn. 

Vielleicht sind unsere Herzen in den Ferien einfach etwas offener. 

Vielleicht lassen wir im Ausland eher einmal Fünfe gerade sein, weil wir entspannter sind. 

Und zu Hause? 

Da werden wir wieder kritisch, gestresst und erwarten Perfektion. 

Vielleicht sollten wir uns gerade in solchen Momenten wieder an unsere eigenen Werte erinnern. 

An unsere Traditionen. 

An das, was unsere Eidgenossenschaft stark gemacht hat. 

Und beim nächsten Glas Wein vielleicht auch einmal an den Winzer denken, der darauf hofft, dass der nächste Jahrgang noch besser wird – und der trotz schwieriger Bedingungen die Freude an seiner Arbeit nicht verliert. 

Mit den Werten regionaler Vielfalt, Offenheit, Freiheit und demokratischem Denken – das auch unterschiedliche Geschmäcker zulässt – nimmt er am nächsten Morgen seine Arbeit wieder auf. 

Denn er weiss: Nur mit Zusammenhalt kommen wir weiter. So, wie Sie, liebe Buusnerinnen und Buusner, es in Ihrer Gemeinde tagtäglich vorleben. Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen allen einen wunderschönen 1. August.Stossen wir gemeinsam auf unsere einzigartige Eidgenossenschaft an. 

Zum Wohl – oder wie wir in der Schweiz sagen: «Gesundheit!» Denn das bedeutet nichts anderes als: Tragen wir Sorge zu dem, was uns wichtig ist.